Double Empathy Problem – Wie Missverständnisse zwischen autistischen und neurotypischen Menschen entstehen

Viele autistische Menschen erleben, dass ihre Kommunikation als „untypisch“ oder „schwierig“ beschrieben wird. Lange wurde daraus geschlossen, autistische Menschen hätten weniger Empathie oder soziale Kompetenz.

Der britische Soziologe und Autismusforscher Damian Milton stellte diese Sichtweise infrage und prägte 2012 den Begriff Double Empathy Problem.

Seine zentrale Idee:  

Wenn Menschen die Welt unterschiedlich wahrnehmen und kommunizieren, entstehen Missverständnisse auf beiden Seiten.

Empathie ist keine Einbahnstraße.

Wie Damian Milton zu dieser Theorie kam

Damian Milton ist selbst autistisch und arbeitete wissenschaftlich sowie praxisnah mit autobiografischen Berichten autistischer Menschen. Dabei fiel ein wiederkehrendes Muster auf:

Autistische Menschen beschrieben häufig, dass sie andere autistische Menschen gut verstehen, sich aber im Kontakt mit neurotypischen Menschen missverstanden fühlen. Gleichzeitig berichteten neurotypische Menschen ähnliche Unsicherheiten in der Kommunikation mit autistischen Menschen.

Milton schlussfolgerte daraus, dass soziale Schwierigkeiten nicht primär Ausdruck eines Defizits sind, sondern aus einer gegenseitigen Verständigungslücke zwischen unterschiedlichen Erfahrungswelten entstehen.

Diese theoretische Perspektive wurde später empirisch untersucht.

Das Experiment: Kommunikation wie „Stille Post“

Eine besonders anschauliche Untersuchung stammt von Catherine Crompton, Brett Heasman, Alex Gillespie und weiteren Forschenden (2020). Sie entwickelten ein sogenanntes Diffusionsketten-Experiment – vergleichbar mit Stille Post.

Der Ablauf war einfach:

- Eine Person erhielt eine kurze Geschichte.  

- Diese wurde nacheinander an weitere Personen weitergegeben.  

- Am Ende wurde überprüft, wie viel der ursprünglichen Information erhalten blieb.  

- Zusätzlich wurde erfasst, wie sich die Interaktion anfühlte (z. B. Verbundenheit, Vertrauen, Leichtigkeit).

Untersucht wurden drei Konstellationen.

Zuerst: Die gemischte Gruppe

In gemischten Gruppen gaben autistische und neurotypische Menschen die Geschichte einander weiter.

Hier zeigte sich das auffälligste Muster:

- Informationen gingen schneller verloren.  

- Bedeutungen verschoben sich.  

- Beteiligte berichteten häufiger Unsicherheit darüber, ob sie richtig verstanden hatten.  

- Das Gefühl sozialer Verbundenheit war geringer.

Es entstand nicht der Eindruck, dass eine Seite „schlechter“ kommunizierte. Vielmehr schienen unterschiedliche Details wichtig zu sein, indirekte Hinweise anders interpretiert zu werden und Erwartungen an Gespräche zu variieren.

Die Kommunikationskette wurde dadurch anfälliger für Missverständnisse.

 Dann: Die neurotypische Gruppe

In ausschließlich neurotypischen Gruppen blieb die Geschichte relativ stabil.

- Implizite Hinweise wurden ähnlich verstanden.  

- Wichtige Inhalte wurden konsistent weitergegeben.  

- Gespräche wurden als flüssig und erwartbar erlebt.  

- Teilnehmende berichteten eine hohe soziale Passung.

Die Beteiligten teilten viele unausgesprochene Kommunikationsregeln, was Verständigung erleichterte.

Zum Schluss: Die autistische Gruppe

Das für viele überraschendste Ergebnis zeigte sich in den autistischen Gruppen.

Auch hier blieb die Information gut erhalten.

- Inhalte wurden präzise weitergegeben.  

- Nachfragen dienten häufig der Genauigkeit.  

- Gespräche wurden als klar, direkt und entlastend beschrieben.  

- Das Gefühl von Verbundenheit war vergleichbar mit neurotypischen Gruppen.

Die Kommunikation war anders strukturiert, aber sie funktionierte zuverlässig.  

Damit widersprachen die Ergebnisse der Annahme, autistische Kommunikation sei grundsätzlich defizitär.

Was diese Studien zeigen

Die Forschung von Crompton, Heasman, Gillespie und weiteren Forschenden stützt Miltons Theorie:

Menschen verstehen einander leichter, wenn sie ähnliche Kommunikationslogiken teilen. Schwierigkeiten entstehen besonders dort, wo unterschiedliche Bedeutungsrahmen aufeinandertreffen.

Das ist das Double Empathy Problem.

Missverständnisse sind wechselseitig (sowohl auf neurotypischer als auch auf autistischer Seite) und nicht nur auf einer Seite zu verorten.

Bedeutung für Familien, Schule und Alltag

Viele alltägliche Erfahrungen werden dadurch verständlicher:

- Autistische Kinder wirken unter anderen autistischen Kindern sozial sicherer.  

- Eltern und Kinder bemühen sich gegenseitig zu verstehen und fühlen sich dennoch missverstanden.  

- Pädagogische Fachpersonen interpretieren Verhalten autistischer Kindern anders als es gemeint ist.  

- Autistische Erwachsene berichten, dass Gespräche mit anderen autistischen Menschen weniger anstrengend sind.

Die Perspektive verschiebt sich von Defiziten hin zu Beziehung und Kontext.

Was helfen kann

- Dinge explizit aussprechen statt voraussetzen  

- Nachfragen normalisieren („So hast du das gemeint?“)  

- Unterschiede erklären (Psychoedukation)  

- Zeit für Verarbeitung ermöglichen  

- Räume schaffen, in denen ähnliche Kommunikationsweisen vorkommen  

- Übersetzungsarbeit zwischen Kommunikationsstilen leisten

Das Ziel sollte gegenseitiges Verstehen sein – nicht einseitige Anpassung, bspw. autistischer Kommunikationsmuster an neurotypische Mehrheitskommunikationsbesonderheiten.

Fazit

Damian Miltons Double Empathy Problem hat das Verständnis von Autismus grundlegend erweitert. Forschung zeigt: Missverständnisse entstehen häufig dort, wo unterschiedliche Erfahrungswelten aufeinandertreffen.

Empathie entsteht zwischen Menschen.  

Und Verständigung ist eine gemeinsame Aufgabe.

Quellen (Auswahl)

- Milton, D. (2012). On the ontological status of autism: The ‘double empathy problem’. Disability & Society.  

- Crompton, C. J., Ropar, D., Evans-Williams, C., Flynn, E., Fletcher-Watson, S. (2020). Information transfer between autistic and neurotypical people: A diffusion chain study. Autism.  

- Crompton, C. J., Sharp, M., Axbey, H., Fletcher-Watson, S., Flynn, E., Ropar, D. (2020). Neurotype-matching influences interpersonal rapport. Scientific Reports.  

- Heasman, B. & Gillespie, A. (2018). Perspective-taking is two-sided. Journal of Theory of Social Behaviour.


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