Zu empathisch für Autismus? Ein hartnäckiges Missverständnis
Kann ein autistischer Mensch sehr empathisch sein?
Eine Frage, die mir in der Praxis immer wieder gestellt wird, lautet:
Viele Menschen stellen diese Frage, weil sie gelernt haben, Autismus mit mangelnder Empathie oder fehlendem Interesse an Beziehungen gleichzusetzen. Tatsächlich gehört dieses Bild zu den hartnäckigsten Missverständnissen rund um Autismus - und wird dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht mehr gerecht.
Die kurze Antwort lautet deshalb:
Entscheidend ist nicht, ob Empathie vorhanden ist, sondern wie soziale Informationen verarbeitet werden und welche Anstrengung soziale Situationen verursachen.
Woher stammt dieses Missverständnis?
Über viele Jahrzehnte wurde Autismus überwiegend anhand männlicher, früh diagnostizierter Erscheinungsbilder beschrieben. Gleichzeitig wurde soziale Kompetenz häufig danach beurteilt, wie schnell und intuitiv Menschen auf soziale Situationen reagieren.
Wer Blickkontakt vermied, Gefühle nicht unmittelbar zeigte oder soziale Situationen anders gestaltete, wurde häufig vorschnell als wenig empathisch beschrieben.
Heute wissen wir jedoch, dass Empathie deutlich komplexer ist.
Empathie ist nicht gleich Empathie
Im Alltag sprechen wir häufig von „Empathie“, als wäre sie eine einzelne Fähigkeit. Tatsächlich umfasst Empathie verschiedene Prozesse.
Unter anderem wird unterschieden zwischen:
- emotionaler Empathie - Gefühle anderer Menschen mitzuerleben oder emotional darauf zu reagieren,
- kognitiver Empathie - Gedanken, Absichten oder Erwartungen anderer Menschen einzuschätzen,
- mitfühlender Empathie - aus dem Mitgefühl heraus unterstützend handeln zu wollen.
Diese Bereiche entwickeln sich nicht zwangsläufig parallel.
Viele autistische Menschen berichten beispielsweise, Gefühle anderer Menschen sehr intensiv wahrzunehmen, gleichzeitig jedoch Schwierigkeiten zu haben, unausgesprochene Erwartungen oder soziale Kontexte spontan richtig einzuordnen.
Das bedeutet nicht, dass Empathie fehlt. Vielmehr können unterschiedliche Aspekte von Empathie unterschiedlich ausgeprägt sein.
Hohe emotionale Resonanz ist keineswegs ungewöhnlich
Viele autistische Menschen beschreiben, dass sie Stimmungen anderer Menschen sehr intensiv wahrnehmen.
Traurigkeit, Konflikte oder belastende Erlebnisse anderer können lange nachwirken. Manche berichten, dass sie nach emotionalen Gesprächen noch Stunden oder Tage über das Erzählte nachdenken oder Schwierigkeiten haben, die Gefühle anderer wieder loszulassen.
Gerade diese hohe emotionale Resonanz kann jedoch auch zu Überforderung führen.
Wer Emotionen intensiv miterlebt, benötigt häufig mehr Zeit zur Verarbeitung und Regeneration.
Von außen wird dies leicht übersehen, weil emotionale Resonanz nicht zwangsläufig über Mimik oder spontane Gefühlsäußerungen sichtbar wird.
Kann soziale Intuition trotzdem vorhanden sein?
Auch hier lautet die Antwort: Ja.
Soziale Intuition entsteht nicht ausschließlich angeboren oder automatisch. Viele autistische Menschen entwickeln über Jahre hinweg eine außergewöhnlich differenzierte Beobachtungsgabe.
Sie analysieren Gespräche, erkennen wiederkehrende Muster, beschäftigen sich intensiv mit Kommunikation und lernen soziale Dynamiken bewusst kennen.
Dadurch kann im Erwachsenenalter eine erstaunlich treffsichere soziale Einschätzung entstehen.
Der Unterschied besteht häufig darin, dass diese Intuition teilweise über bewusste Mustererkennung, Erfahrung und Reflexion entstanden ist - und nicht ausschließlich über eine automatische Verarbeitung sozialer Informationen.
Interesse an Menschen schließt Autismus nicht aus
Ein weiteres hartnäckiges Vorurteil lautet, autistische Menschen hätten grundsätzlich wenig Interesse an Beziehungen.
Auch das entspricht nicht den Erfahrungen vieler Betroffener.
Viele wünschen sich enge Freundschaften, stabile Partnerschaften oder intensive zwischenmenschliche Gespräche.
Oft unterscheiden sich jedoch die Rahmenbedingungen.
Während oberflächliche Kontakte oder Small Talk als anstrengend erlebt werden können, werden tiefgehende Gespräche häufig als bereichernd beschrieben.
Nicht wenige autistische Menschen interessieren sich intensiv für Psychologie, Kommunikation oder menschliches Verhalten. Das Bedürfnis, Menschen wirklich zu verstehen, kann sogar außergewöhnlich ausgeprägt sein.
AuDHS macht das Bild noch vielfältiger
Beim gemeinsamen Auftreten von Autismus und ADHS entsteht häufig ein besonders individuelles Profil.
Menschen mit AuDHS können ausgesprochen kontaktfreudig, neugierig und emotional offen wirken. Gleichzeitig berichten viele von erheblicher sozialer Erschöpfung.
Sie genießen Begegnungen, benötigen danach jedoch viel Zeit zur Regeneration.
Andere beschreiben, dass sie Menschen sehr schnell emotional nahekommen, gleichzeitig aber Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Grenzen rechtzeitig wahrzunehmen.
Hohe Empathie und soziale Erschöpfung schließen sich daher keineswegs aus - sie können sogar miteinander zusammenhängen.
Was in einer Diagnostik wirklich relevant ist
Immer wieder begegnen mir Aussagen wie:
oder
Aus diagnostischer Sicht sind solche Schlussfolgerungen jedoch nicht haltbar.
Eine einzelne Eigenschaft - sei es hohe Empathie, Humor, Kreativität, gute Beziehungen oder soziale Intuition - schließt eine Autismus- oder AuDHS-Diagnose nicht aus.
Entscheidend ist vielmehr das Gesamtbild.
In einer diagnostischen Abklärung werden unter anderem die Entwicklung seit der frühen Kindheit, die Art der sozialen Informationsverarbeitung, sensorische Besonderheiten, Kommunikationsmuster, Anpassungsleistungen sowie die Auswirkungen im Alltag berücksichtigt.
Nicht einzelne Eigenschaften führen zur Diagnose, sondern das Zusammenspiel vieler Merkmale.
Das Double-Empathy-Problem verändert unseren Blick
Ein weiterer wichtiger Perspektivwechsel stammt aus dem Konzept des Double-Empathy-Problems.
Dieses beschreibt, dass Missverständnisse zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen nicht einseitig entstehen.
Kommunikationsprobleme ergeben sich häufig daraus, dass beide Seiten soziale Signale unterschiedlich wahrnehmen und unterschiedlich interpretieren.
Empathie ist daher keine Fähigkeit, die ausschließlich einer Person zugeschrieben werden kann. Sie entsteht immer auch in der Begegnung zwischen Menschen.
Diese Sichtweise hat wesentlich dazu beigetragen, frühere Vorstellungen von Autismus als „Empathiedefizit“ kritisch zu hinterfragen.
Fazit
Hohe Empathie, ausgeprägte soziale Intuition, tiefe Beziehungen oder ein großes Interesse an zwischenmenschlichen Prozessen schließen Autismus oder AuDHS keineswegs aus.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob soziale Fähigkeiten vorhanden sind, sondern wie soziale Informationen verarbeitet werden, welche Strategien dabei genutzt werden und wie viel Energie soziale Situationen kosten.
Autistische Menschen erleben Beziehungen häufig nicht weniger intensiv - sondern oftmals auf eine andere Weise.
Gerade deshalb lohnt es sich, vereinfachte Vorstellungen von Autismus zu hinterfragen und den Blick auf die Vielfalt autistischer Lebensrealitäten zu richten.
Kurzliteratur
- Milton, D. (2012). On the ontological status of autism: The double empathy problem. Disability & Society, 27(6), 883-887.
- Crompton, C. J., Hallett, S., Ropar, D., Flynn, E., & Fletcher-Watson, S. (2020). Neurotype-matching, but not being autistic, influences self and observer ratings of interpersonal rapport. Frontiers in Psychology, 11, 586171.
- Hull, L., Petrides, K. V., Allison, C., Smith, P., Baron-Cohen, S., Lai, M.-C., & Mandy, W. (2017). Putting on My Best Normal: Social Camouflaging in Adults with Autism Spectrum Conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders, 47(8), 2519-2534.
- Livingston, L. A., & Happé, F. (2017). Conceptualising compensation in autism. Current Opinion in Psychology, 18, 121-125.
- Bird, G., & Cook, R. (2013). Mixed emotions: The contribution of alexithymia to the emotional symptoms of autism. Translational Psychiatry, 3, e285.