Wenn Übergänge schwerfallen – Autismus, Situationswechsel und das PDA-Profil

Wenn Übergänge schwerfallen – Autismus, Situationswechsel und das PDA-Profil

Warum ähnliche Verhaltensweisen unterschiedliche Ursachen haben können

Viele autistische Menschen erleben Schwierigkeiten bei Situationswechseln. Der Übergang von einer Tätigkeit zur nächsten, eine kurzfristige Planänderung oder das Verlassen einer vertrauten Situation kann Stress auslösen. Von außen wirkt dies manchmal wie Widerstand, Vermeidung oder mangelnde Flexibilität. Tatsächlich stehen jedoch häufig nachvollziehbare Regulationsprozesse dahinter.

Ähnliche Verhaltensweisen werden auch im Zusammenhang mit dem PDA-Profil (Persistent Drive for Autonomy) beschrieben. Menschen mit einem PDA-Profil reagieren oft besonders empfindlich auf Anforderungen und Erwartungen. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass es sich um dasselbe Phänomen handelt. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich jedoch wichtige Unterschiede.

Warum Situationswechsel herausfordernd sein können

Autistische Menschen berichten häufig, dass Übergänge zwischen Situationen mehr erfordern als nur einen Orts- oder Aufgabenwechsel. Oft müssen mehrere Prozesse gleichzeitig stattfinden: Die bisherige Tätigkeit wird beendet, Aufmerksamkeit wird umgelenkt, neue Informationen müssen verarbeitet und Erwartungen an die neue Situation eingeordnet werden.

Viele beschreiben, dass sie Zeit benötigen, um sich innerlich auf Veränderungen einzustellen. Vorhersagbarkeit kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Wenn bekannt ist, was als Nächstes passiert, entsteht häufig mehr Sicherheit und Orientierung.

Beispiel

Ein Kind spielt konzentriert mit Bausteinen. Als die Eltern ankündigen, dass jetzt gegessen wird, reagiert das Kind gereizt oder verärgert. Von außen kann dies wie Trotz wirken. Intern findet jedoch möglicherweise ein abrupter Wechsel zwischen zwei unterschiedlichen Aktivitätszuständen statt, für den mehr Vorbereitungszeit benötigt wird.

In solchen Situationen steht häufig nicht die Anforderung selbst im Vordergrund, sondern der Übergang.

Die Bedeutung von Vorhersagbarkeit

Vorhersagbarkeit kann für viele autistische Menschen Orientierung und Sicherheit schaffen. Deshalb werden Veränderungen oft nicht deshalb als belastend erlebt, weil sie grundsätzlich abgelehnt werden, sondern weil sie zusätzliche Anpassungsleistungen erfordern.

Ein geplanter Arzttermin kann beispielsweise problemlos wahrgenommen werden, während eine kurzfristige Änderung des Tagesablaufs erheblichen Stress auslöst.

Wenn Anforderungen selbst zum Problem werden

Beim PDA-Profil wird häufig ein anderer Mechanismus beschrieben. Hier steht weniger der Situationswechsel als vielmehr die Wahrnehmung von Anforderungen im Mittelpunkt.

Dabei können selbst alltägliche oder selbstgewählte Aufgaben als Einschränkung von Autonomie erlebt werden. Aus dieser Perspektive können Aufforderungen, Erwartungen oder Verpflichtungen intensive Stressreaktionen auslösen. Die Reaktion dient häufig der Wiederherstellung von Kontrolle oder Handlungsfreiheit.

Beispiel

Ein Jugendlicher plant selbst, seine Hausaufgaben zu erledigen. Sobald jedoch eine Bezugsperson nachfragt oder daran erinnert, entsteht Widerstand. Die Aufgabe hat sich nicht verändert – die Bedeutung der Situation jedoch schon.

Warum die Unterscheidung wichtig ist

Von außen können sich beide Situationen ähnlich zeigen. In beiden Fällen kann es zu Vermeidung, Diskussionen, Rückzug oder emotionalen Reaktionen kommen.

Die Frage lautet jedoch: Worauf reagiert die Person?

Bei Schwierigkeiten mit Situationswechseln stehen häufig folgende Aspekte im Vordergrund:

  • Unterbrechung einer laufenden Tätigkeit
  • mangelnde Vorbereitungszeit
  • Unsicherheit über den nächsten Schritt
  • erhöhter Aufwand für Umstellung und Anpassung

Beim PDA-Profil werden häufiger beschrieben:

  • intensive Reaktionen auf Anforderungen
  • Bedürfnis nach Autonomie und Kontrolle
  • Vermeidung aufgrund wahrgenommenen Drucks
  • flexible Strategien zur Wiederherstellung von Handlungsfreiheit

Drei ähnliche Situationen – unterschiedliche Hintergründe

Da Schwierigkeiten bei Situationswechseln und Merkmale eines PDA-Profils nach außen oft ähnlich wirken können, hilft es häufig, konkrete Alltagssituationen zu betrachten.

Beispiel 1: Situationswechsel im Kindesalter

Ein zehnjähriges Kind sitzt im Auto auf dem Weg zur Großmutter. Kurz vor der Ankunft erfährt es, dass der ursprünglich geplante Besuch nicht stattfindet und stattdessen noch eingekauft werden soll.

Das Kind reagiert unmittelbar angespannt, wird still oder beginnt zu weinen.

Von außen wirkt die Reaktion möglicherweise übertrieben. Tatsächlich entsteht Stress vor allem dadurch, dass die innere Vorbereitung plötzlich nicht mehr zur tatsächlichen Situation passt. Die erwartete Abfolge von Ereignissen verändert sich kurzfristig und erfordert eine rasche Anpassung.

Hier steht nicht die Anforderung selbst im Vordergrund, sondern die unerwartete Veränderung eines bereits innerlich vorbereiteten Plans.

Beispiel 2: Situationswechsel im Erwachsenenalter

Eine autistische Erwachsene arbeitet konzentriert an einem Bericht. Kurz vor Abschluss bittet eine Kollegin spontan darum, an einem anderen Projekt mitzuarbeiten.

Die neue Aufgabe ist grundsätzlich machbar und wird nicht grundsätzlich abgelehnt. Trotzdem entsteht erheblicher Stress. Die Aufmerksamkeit muss abrupt umgelenkt werden, die bisherige Tätigkeit bleibt innerlich „offen“ und die mentale Umstellung benötigt zusätzliche Ressourcen.

Die Belastung entsteht hier vor allem durch den Wechsel des Kontextes und nicht durch die neue Aufgabe selbst.

Beispiel 3: PDA-Profil im Kindesalter

Ein Kind malt freiwillig ein Bild. Während es konzentriert arbeitet, sagt ein Elternteil:

„Das sieht toll aus. Mal doch noch eine Sonne dazu.“

Kurz darauf verliert das Kind das Interesse am Bild oder reagiert ablehnend.

Die Tätigkeit selbst war zuvor angenehm. Durch die Anregung einer anderen Person wird sie jedoch als Anforderung erlebt. Dadurch kann Stress entstehen und das Bedürfnis wachsen, die eigene Handlungsfreiheit wiederherzustellen.

Der Widerstand richtet sich nicht gegen das Malen, sondern gegen die Erfahrung, dass von außen Einfluss auf die Handlung genommen wird.

Beispiel 4: PDA-Profil im Erwachsenenalter

Eine erwachsene Person plant seit Tagen, die Wohnung aufzuräumen. Sie hat sich bewusst Zeit dafür freigehalten und ist motiviert.

Kurz bevor sie beginnt, fragt die Partnerin:

„Kannst du heute bitte endlich die Küche machen?“

Plötzlich entsteht innerer Widerstand. Die Aufgabe ist dieselbe geblieben, wird nun aber als äußere Erwartung wahrgenommen.

Der Stress entsteht nicht durch die Tätigkeit selbst, sondern durch die Veränderung ihrer Bedeutung. Aus einer selbstgewählten Handlung wird eine wahrgenommene Anforderung.

Beispiel 5: Wenn Situationswechsel und PDA-Merkmale zusammenkommen

Ein Jugendlicher spielt nach der Schule ein Online-Spiel mit Freunden. Die Mutter betritt das Zimmer und sagt:

„Mach sofort den Computer aus und komm beim Abendessen helfen.“

In diesem Moment treffen mehrere Belastungsfaktoren zusammen.

Einerseits muss die aktuelle Aktivität abrupt beendet werden. Das erfordert einen schnellen Situationswechsel und kann bereits Stress auslösen.

Andererseits enthält die Aufforderung eine direkte Erwartung und wenig Handlungsspielraum. Dadurch kann zusätzlich das Gefühl entstehen, die eigene Kontrolle über die Situation zu verlieren.

Die emotionale Reaktion kann deshalb stärker ausfallen als bei einem isolierten Situationswechsel oder einer isolierten Anforderung. Der Stress entsteht sowohl durch die notwendige Umstellung als auch durch den wahrgenommenen Druck.

Überschneidungen sind möglich

In der Praxis sind die Grenzen nicht immer eindeutig. Menschen können sowohl Schwierigkeiten mit Situationswechseln erleben als auch Merkmale zeigen, die mit einem PDA-Profil in Verbindung gebracht werden.

Deshalb ist es oft hilfreicher, die individuellen Auslöser einer Situation zu verstehen, als sich ausschließlich auf Kategorien zu konzentrieren.

Verstehen statt vorschnell erklären

Die Beispiele zeigen, wie wichtig ein genauer Blick auf die jeweilige Situation ist. Ähnliches Verhalten kann aus unterschiedlichen Gründen entstehen und erfordert daher unterschiedliche Formen der Unterstützung.

Verhalten, das als Verweigerung oder Widerstand interpretiert wird, erfüllt häufig eine Funktion. Es kann ein Hinweis auf Überforderung, Unsicherheit, Kontrollverlust oder erhöhten Regulationsbedarf sein.

Ein neuroaffirmativer Zugang fragt deshalb weniger:

„Warum macht die Person nicht mit?“

sondern vielmehr:

„Was macht diese Situation gerade so schwierig?“

Diese Perspektive eröffnet häufig neue Möglichkeiten für Verständnis und Unterstützung.

Fazit

Schwierigkeiten bei Situationswechseln und Merkmale eines PDA-Profils können ähnlich erscheinen, beruhen jedoch häufig auf unterschiedlichen Prozessen. Während bei Situationswechseln oft die Anpassung an neue Situationen im Vordergrund steht, wird beim PDA-Profil häufiger die Wahrnehmung von Anforderungen als belastend beschrieben.

Für die Praxis ist daher weniger die sichtbare Reaktion entscheidend als die Frage, welche Funktion das Verhalten erfüllt. Ein verstehender Blick auf individuelle Auslöser ermöglicht häufig passgenauere Unterstützung als vorschnelle Zuschreibungen.

Kurzliteratur

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