Autismus und soziale Erschöpfung – mehr als nur Schüchternheit oder Desinteresse

Eine der häufigsten Fehlannahmen über Autismus besteht darin, dass autistische Menschen kein Interesse an sozialen Kontakten hätten. Viele autistische Menschen berichten jedoch das Gegenteil. Freundschaften, Beziehungen und Zugehörigkeit können ebenso wichtig sein wie für andere Menschen. Der Unterschied liegt häufig nicht darin, ob soziale Kontakte gewünscht werden, sondern darin, wie soziale Situationen erlebt und verarbeitet werden.

Viele autistische Menschen beschreiben soziale Interaktionen als anstrengender, bewusster oder weniger intuitiv. Während manche soziale Regeln scheinbar mühelos erfassen und anwenden, kann soziale Orientierung für autistische Menschen einen deutlich höheren kognitiven Aufwand erfordern. Dieser Aufwand bleibt oft unsichtbar, beeinflusst jedoch wesentlich, wie soziale Situationen erlebt werden.

Soziale Interaktion als bewusster Prozess

Soziale Kommunikation besteht aus weit mehr als Worten. Gesichtsausdrücke, Körpersprache, Stimmlage, Blickkontakt, Ironie, unausgesprochene Erwartungen und situative Kontexte werden gleichzeitig verarbeitet. Viele dieser Informationen werden von neurotypischen Menschen weitgehend automatisch eingeordnet.

Autistische Menschen berichten dagegen häufig, soziale Situationen bewusster analysieren zu müssen. Statt intuitiv zu erfassen, was erwartet wird, kann ein aktiver Denkprozess erforderlich sein. Dabei geht es nicht um mangelndes Interesse oder fehlende Empathie, sondern um eine andere Art der sozialen Informationsverarbeitung.

Ein Gespräch kann dadurch deutlich mehr Energie kosten, als von außen sichtbar wird. Während gleichzeitig zugehört wird, laufen oft weitere Prozesse ab: Ist meine Antwort passend? Habe ich zu lange gesprochen? Sollte ich mehr Blickkontakt halten? Ist das ernst gemeint oder ironisch? Solche Überlegungen können parallel zum eigentlichen Gespräch stattfinden.

Wenn Mitmachen nicht selbstverständlich ist

Bereits im Kindesalter können soziale Situationen anders erlebt werden. Viele autistische Kinder beobachten zunächst, bevor sie sich beteiligen. Sie versuchen zu verstehen, welche Regeln gelten, wer welche Rolle hat oder wann ein guter Zeitpunkt ist, sich einzubringen.

Beispiel

Ein Kind steht auf dem Pausenhof neben einer Gruppe spielender Kinder. Es möchte gerne mitmachen, beobachtet aber zunächst das Spielgeschehen. Während andere Kinder scheinbar spontan einsteigen, versucht es zunächst herauszufinden, welche Regeln gelten und wie der Einstieg gelingen könnte. Bis eine Entscheidung getroffen ist, kann die Situation bereits vorbei sein.

Von außen kann dies als Schüchternheit oder Desinteresse interpretiert werden. Tatsächlich besteht oft ein Wunsch nach Kontakt, während gleichzeitig Unsicherheit darüber besteht, wie dieser Kontakt hergestellt werden kann.

Wenn soziale Regeln komplexer werden

Mit zunehmendem Alter werden soziale Beziehungen komplexer. Im Jugendalter spielen Gruppenzugehörigkeit, Freundschaften und soziale Hierarchien eine größere Rolle. Gleichzeitig nehmen unausgesprochene soziale Regeln zu.

Viele Jugendliche beginnen deshalb sehr genau zu beobachten, wie andere sprechen, reagieren oder sich verhalten. Manche entwickeln umfangreiche Strategien, um soziale Situationen besser einschätzen zu können.

Nicht selten wird ein Gespräch noch Stunden später analysiert. War die Reaktion angemessen? Wurde etwas missverstanden? Hätte ich anders antworten sollen?

Diese Form der Nachverarbeitung kann erheblich zur sozialen Erschöpfung beitragen.

Beispiel

Nach einem Treffen mit Freund:innen liegt eine Jugendliche abends im Bett und denkt immer wieder an eine Bemerkung zurück, die sie gemacht hat. Obwohl niemand negativ reagiert hat, beschäftigt sie die Frage, ob ihre Aussage möglicherweise unpassend war. Während das Treffen für andere längst abgeschlossen ist, läuft die soziale Verarbeitung noch weiter.

Soziale Erschöpfung im Erwachsenenalter

Auch viele autistische Erwachsene berichten, dass soziale Situationen deutlich mehr Energie kosten als von außen sichtbar ist. Dies betrifft nicht nur private Kontakte, sondern häufig auch berufliche Kontexte.

Meetings, Telefonate, Netzwerkveranstaltungen oder informelle Gespräche können neben dem eigentlichen Inhalt zahlreiche zusätzliche Anforderungen enthalten. Oft müssen gleichzeitig soziale Erwartungen eingeschätzt, Reaktionen beobachtet und eigene Verhaltensweisen reguliert werden.

Dadurch kann selbst ein erfolgreich verlaufenes Gespräch erschöpfend sein.

Beispiel

Eine Person verlässt ein berufliches Meeting mit dem Gefühl, fachlich alles gut bewältigt zu haben. Gleichzeitig beschäftigt sie noch lange die Frage, ob sie ausreichend Blickkontakt gehalten hat, ob ihre Wortmeldungen angemessen waren oder ob bestimmte Reaktionen der Kolleg:innen richtig verstanden wurden.

Die fachliche Aufgabe ist beendet. Die soziale Verarbeitung läuft jedoch weiter.

Soziales Interesse und soziale Belastung schließen sich nicht aus

Ein besonders hartnäckiges Missverständnis besteht darin, soziale Schwierigkeiten automatisch mit fehlendem Interesse an anderen Menschen gleichzusetzen.

Viele autistische Menschen wünschen sich soziale Nähe, Freundschaften oder Beziehungen. Gleichzeitig können soziale Situationen anstrengend, unvorhersehbar oder überfordernd sein. Beides kann gleichzeitig zutreffen.

Die Frage ist deshalb häufig nicht, ob soziale Kontakte gewünscht werden, sondern unter welchen Bedingungen sie möglich und angenehm sind.

Viele berichten beispielsweise, dass Gespräche in kleinen Gruppen leichter fallen als in größeren Runden. Andere bevorzugen klare Kommunikationsformen oder benötigen nach sozialen Aktivitäten bewusst Zeit zur Regeneration.

Der Einfluss von Anpassung

Viele autistische Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens Strategien, um soziale Situationen besser bewältigen zu können. Sie beobachten andere Menschen, lernen soziale Regeln bewusst oder orientieren sich an Erfahrungen aus früheren Situationen.

Diese Anpassungsleistungen können sehr erfolgreich sein. Gleichzeitig kosten sie häufig Energie.

Dadurch entsteht manchmal das Missverständnis, soziale Situationen seien problemlos, weil nach außen wenig Schwierigkeiten sichtbar werden. Tatsächlich kann hinter einer gelungenen Interaktion ein erheblicher Aufwand stehen.

Ein neuroaffirmativer Blick auf soziale Unterschiede

Ein neuroaffirmativer Zugang betrachtet soziale Unterschiede nicht als Defizit, sondern als Ausdruck unterschiedlicher Arten der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung.

Soziale Interaktion kann für autistische Menschen anders funktionieren als für neurotypische Menschen. Das bedeutet nicht automatisch weniger Interesse, weniger Verbundenheit oder weniger Empathie. Häufig bedeutet es vielmehr, dass soziale Orientierung bewusster erfolgt und dadurch mehr Energie benötigt.

Wenn dieser Unterschied verstanden wird, verändert sich häufig auch die Bewertung sozialer Erschöpfung. Statt sie als persönliches Versagen oder mangelnde soziale Kompetenz zu betrachten, kann sie als nachvollziehbare Folge eines erhöhten Verarbeitungsaufwandes verstanden werden.

Fazit

Viele autistische Menschen erleben soziale Situationen nicht als grundsätzlich unerwünscht, sondern als komplexer und energieaufwendiger. Die Herausforderung liegt häufig weniger im Wunsch nach Kontakt als in der Art und Weise, wie soziale Informationen verarbeitet werden.

Das Verständnis dieser Unterschiede kann dazu beitragen, soziale Erschöpfung besser einzuordnen und von verbreiteten Missverständnissen Abstand zu nehmen. Soziale Anstrengung wird dann nicht als Ausdruck mangelnden Interesses verstanden, sondern als Teil einer anderen sozialen Erlebnisweise.

Literatur

  • Milton, D. (2012). On the ontological status of autism: The double empathy problem. Disability & Society.

  • Hull, L. et al. (2017). Social camouflaging in autism. Journal of Autism and Developmental Disorders.

  • Livingston, L. A. & Happé, F. (2017). Conceptualising compensation in autism. Current Opinion in Psychology.

  • Crompton, C. J. et al. (2020). Neurotype-matching, but not being autistic, influences self and observer ratings of interpersonal rapport. Frontiers in Psychology.

  • Morrison, K. E. et al. (2020). Outcomes of real-world social interaction for autistic adults paired with autistic compared to typically developing partners. Autism.

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