Warum viele autistische Menschen sich lange „anders“ fühlen, ohne erklären zu können warum

Viele autistische Menschen beschreiben rückblickend ein Gefühl, das oft schon sehr früh vorhanden war: irgendwie anders zu sein. Nicht unbedingt sichtbar anders oder eindeutig abgrenzbar, sondern eher subtil. Es kann das Gefühl sein, soziale Situationen anders wahrzunehmen, Gespräche schwer einordnen zu können oder sich in Gruppen nie ganz selbstverständlich zu fühlen. Häufig fehlt zunächst jedoch eine Sprache dafür. Das Erleben ist da, aber die Erklärung nicht.

Gerade im Kindesalter entsteht dieses Gefühl oft lange bevor Autismus überhaupt als Möglichkeit im Raum steht. Viele autistische Kinder bemerken früh, dass bestimmte Dinge für andere intuitiver zu funktionieren scheinen. Während andere Kinder scheinbar mühelos in Gruppenspiele einsteigen, kann soziale Interaktion für autistische Kinder bewusster und anstrengender wirken.

Ein autistisches Kind kann beispielsweise beobachten, wie andere Kinder auf dem Pausenhof spontan Gruppen bilden, während es selbst lange überlegt, wann der richtige Moment wäre, dazuzugehen. Manche Kinder stehen daneben, obwohl sie eigentlich gerne mitmachen würden. Nicht unbedingt aus Desinteresse, sondern weil soziale Dynamiken schwer einschätzbar sind.

Andere autistische Kinder fallen zunächst gar nicht auf, weil sie Regeln sehr genau beachten, ruhig wirken oder sich stark anpassen. Gleichzeitig kann nach der Schule ein massiver Erschöpfungszustand entstehen. Manche ziehen sich sofort zurück, reagieren gereizt oder brauchen lange Zeit alleine, ohne selbst genau erklären zu können warum.

Besonders belastend ist häufig, dass Unterschiede nicht klar benannt werden können. Viele autistische Kinder spüren, dass soziale Situationen für sie komplizierter sind, erleben aber gleichzeitig, dass Außenstehende dies oft nicht wahrnehmen. Wenn ein autistisches Kind äußerlich „mitmacht“, wird leicht übersehen, wie viel innere Anstrengung dahintersteht.

Im Jugendalter verstärkt sich dieses Erleben häufig. Soziale Beziehungen werden komplexer, unausgesprochene Regeln wichtiger und Gruppenzugehörigkeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Viele autistische Jugendliche beginnen in dieser Phase sehr bewusst zu beobachten, wie andere sprechen, sich bewegen oder aufeinander reagieren.

Manche entwickeln regelrechte innere „Analysemuster“ für soziale Situationen. Vor einem Gespräch wird überlegt:

„Wie wirkt das jetzt?“

„War das komisch?“

„Wie lange sollte ich Blickkontakt halten?“

„Habe ich zu viel gesagt?“

Nach Gesprächen wird oft noch lange weitergedacht. Autistische Jugendliche berichten beispielsweise, stundenlang über einzelne Situationen zu grübeln oder Chatverläufe immer wieder zu lesen, um zu verstehen, ob etwas „falsch“ gewesen sein könnte.

Gleichzeitig besteht häufig ein starker Wunsch nach Zugehörigkeit. Gerade deshalb kann soziale Unsicherheit sehr belastend sein. Manche autistische Jugendliche erleben intensive Freundschaften, fühlen sich aber trotzdem nie vollständig sicher darin. Andere beschreiben das Gefühl, ständig eine Rolle zu spielen oder bewusst „richtig“ reagieren zu müssen.

Auch im Erwachsenenalter bleibt dieses Gefühl des Anderssein oft bestehen, selbst wenn Anpassung über viele Jahre sehr gut funktioniert hat. Viele autistische Erwachsene berichten, dass sie gelernt haben, Unterschiede über Leistung, Kontrolle oder soziale Anpassung auszugleichen.

Nach außen wirken sie organisiert, freundlich oder kompetent. Intern kann jedoch ein ganz anderes Erleben bestehen. Manche beschreiben beispielsweise, dass sie vor beruflichen Meetings jedes mögliche Gespräch mental durchgehen, spontane soziale Situationen vermeiden oder nach alltäglichen Interaktionen vollständig erschöpft sind.

Andere berichten, dass sie jahrelang dachten, sie seien einfach „zu sensibel“ oder „nicht belastbar genug“. Besonders irritierend ist häufig, dass vieles gleichzeitig gelingt und trotzdem anstrengend bleibt. Dadurch entsteht oft Selbstzweifel:

„Warum wirkt das für andere so leicht?“

„Warum brauche ich so viel Erholung?“

„Warum fühlt sich alles bewusster an?“

Wenn Autismus erst später erkannt wird, verändert sich für viele rückblickend die Einordnung ihrer Erfahrungen. Situationen, die zuvor als persönliches Scheitern erlebt wurden, erscheinen plötzlich verständlicher.

Das kann zum Beispiel bedeuten, zu erkennen, dass soziale Erschöpfung nicht Ausdruck mangelnder sozialer Fähigkeiten war, sondern Folge kontinuierlicher Anpassung. Oder dass Rückzug nach reizintensiven Situationen keine „Überempfindlichkeit“, sondern ein Regulationsbedürfnis war.

Dabei geht es nicht darum, jede Form von Anderssein automatisch als Autismus zu verstehen. Unterschiede gehören grundsätzlich zu menschlicher Entwicklung. Für viele autistische Menschen ist jedoch prägend, dass sich dieses Gefühl über lange Zeiträume und in unterschiedlichen Lebensbereichen wiederholt: in sozialen Situationen, in Gruppen, im Umgang mit Reizen oder in dem Eindruck, ständig bewusster regulieren zu müssen als andere.

Ein neuroaffirmativer Blick verändert häufig die Perspektive auf dieses Erleben. Das Gefühl, anders zu sein, wird dann nicht mehr primär als Defizit verstanden, sondern als Ausdruck einer anderen Art der Wahrnehmung und Verarbeitung.

Für viele ist das entlastend. Nicht weil plötzlich alles leicht wird, sondern weil Erfahrungen erstmals einen Zusammenhang bekommen. Statt sich dauerhaft zu fragen, warum bestimmte Dinge so anstrengend sind, entsteht manchmal die Möglichkeit, freundlicher auf die eigene Geschichte zu schauen — und das eigene Anderssein nicht mehr ausschließlich als Fehler zu erleben. 

Kurzliteratur

Bargiela, S., Steward, R., & Mandy, W. (2016). The experiences of late-diagnosed autistic women. Autism.

Hull, L. et al. (2017). Social camouflaging in autism. Journal of Autism and Developmental Disorders.

Livingston, L. A. & Happé, F. (2017). Conceptualising compensation in autism. Current Opinion in Psychology.

Lai, M.-C. & Baron-Cohen, S. (2015). Identifying the lost generation of adults with autism spectrum conditions. Lancet Psychiatry.

Milton, D. (2012). On the ontological status of autism: The ‘double empathy problem’. Disability & Society.


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Autismus und soziale Erschöpfung – mehr als nur Schüchternheit oder Desinteresse

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